Leseprobe: Ein B-Turm stand in der Nacht

… Meine Armeemärchen und andere Grenzerfahrungen. Autor: Fritz Münze

24.11.2017 | Autor marcus

++Eierhandgranatenmärchen 1++

Der Tag begann mit dem üblichen Prozedere: Morgenappell, Marschieren im Gleichschritt, Marsch links, zwo, drei, vier ...; vor, zurück, zur Seite, ran oder so ähnlich brüllte ein „Webel des Feldes“ die Befehle – als ob das nicht auch etwas freundlicher gegangen wäre.Als er dann noch zur allgemeinen Erbauung ein schönes Arbeitermarschlied forderte und der größte Teil der Truppe nicht so richtig konnte oder wollte, regte er sich fürchterlich auf.Er wollte uns sogar „rundmachen wie ein Groschen mit Rand“.Da mussten einige doch leise lachend vor sich hin glucksen.Als er dann den Befehl „Gas“ brüllte, welcher beinhaltete, dass wir so schnell wie möglich die sogenannte „TSM“ aufsetzen mussten, wir aber gar keine am Mann hatten, war in der Truppe vorerst eine recht gute Laune ausgebrochen.Als wir dann aber aus dem Kasernengelände herausmarschieren mussten, war die gute Stimmung wieder dahin.Den meisten Soldaten war die ziemliche Steigung der Straße von Dittrichshütte nach Braunsdorf und Burkersdorf ein Graus.Aber soweit brauchten wir diesmal nicht.Man hatte unweit der Kaserne einen alten Abraumhügel etwas plattgemacht und so ein Plateau geschaffen, wo wir nun Eierhandgranaten-Weitwurf üben mussten.Kleine Zwischenbemerkung zum Abraumhügel bzw.den Abraumhügeln: Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre wurde hier im Zuge des sowjetischen Atomprogrammes Uran abgebaut – mehr sage ich dazu nicht.

„Irgendetwas“ weit werfen war nun nicht die schlechteste Betätigung und die Kameraden warfen – besser, schmissen – durchaus nach bestem „Wissen und Gewissen“.Ich war überrascht, dass auch große und kräftige Kerle das „Ei“ kaum über 35 Meter brachten.Es ging natürlich militärisch-alphabetisch zu.Vorne, wo die Eier aufkommen sollten, stand der schon erwähnte „Webel“ und konnte seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen und dem Schreiber die geworfenen Meter zurufen.Der Schreiber hätte auch in der Kompanie bleiben können und hätte alles richtig gehört.Mit einem relativ provokanten Hauch in der Stimme „und nun Soldat Münze“ gab er mir den Befehl zum Werfen.Natürlich wusste der „Stinker“, dass ich Handballer war.Obwohl ich meine „Handballerehre“ ausbremste, kam ich auf 45 Meter.Kurz darauf kam mein Zimmerkamerad Dora Siegfried und legte 48 Meter vor.Das konnte natürlich nicht sein, dass ein „Nichthandballer“ locker weiter schmiss, als „iche“.
Nun, im zweiten Durchgang gab ich etwas mehr „Gas“ und wir hörten die zarte Stimme mit einem leichten Anflug von Begeisterung „55 Meter“.Als dann Dora Siegfried auf 57 Meter erhöhte, war der „Wettbewerb“ unausgesprochen ausgerufen.

Einige Kameraden schlossen tatsächlich „Wetten“ ab – war ja ansonsten auch eine langweilige Angelegenheit.Nun hatte unser „Brüllwebel“ da vorne noch die Aufgabe, die „Eier“ wieder einzusammeln.Ich schätzte den „Rest“ des Plateaus nach dem 57. Meter auf circa fünf bis maximal zehn Meter.Danach war ziemliche „Hanglage“.Kurz vor meinem dritten Versuch zwinkerte ich meinem Kameraden zu und fragte: „Packen wir zwei es?“.Er verstand mich sofort, zwinkerte zurück und sagte noch: „Rekord 70“.Ich antwortete: „Das passt gut – meiner bei 75, na dann woll`n wir dem ‚Brüllaffen‘ da vorn mal ein frohes Osterfest gestalten“.Die Kameraden haben natürlich gemerkt, dass wir etwas ausgeheckt hatten und waren gespannt, was da nun folgte.Ich warf mit aller Kraft und das Ei flog über das Ende des Plateaus.Die liebliche Stimme meldete: „Weit über 60 Meter“.Nun war Dora dran – auch er warf mit aller Kraft „Auch weit über 60 Meter“, meldete die geschätzte Stimme mit einem für uns unverständlichen Fluch auf den Lippen.Na also, geht doch auch leise, dachten dann alle.Ein ‚Unterweltfebel’ musste dann den Zug in die Kompanie führen.Böse Zungen behaupteten später, dass er nach zwei Stunden noch kein „Ei“ gefunden und zwei Stück als Verlust eingetragen hätte.Noch bösere Zungen sagten: „Er hat jetzt immer Ostern und wenn er nicht gestorben ist, so sucht er noch heute“.

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Fritz Münzes Märchen: Der Ur-Bad-Blankenburger macht sein Leben zu Erzählungen und zwar in Märchenmanier.Spannend, mit Irrungen und meistens einem guten Ende – und mit jeder Menge zum Schmunzeln.Dabei geht es um „Grenzerfahrungen“ seiner Zeit bei der NVA: Unerlaubte Entfernungen mit gefälschtem Passierschein, irrwitzige Kommandos als „LO“-Fahrer, die Suche nach einer verlorengegangenen Munkel und immer wieder die Versuche, das Soldatenleben an der Grenze so halbwegs erträglich zu machen.„Grenzerfahrungen“ sind aber auch: Eine in tiefster DDR-Zeit vom Zufall geplante Reise nach Paris, Bad Blankenburger Handball, humorvolle erotische Abenteuer bis hin zu Grenz-Wahrnehmungen durch Feuerläufe und Atemtherapie.


20,80 € - ISBN: 978-3-00-057069

Bestellbar über info@marcus-verlag.de und im Buchhandel
Dezember 2017

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